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Schülerin wurde Opfer von Schlamperei und Unzuständigkeiten im Schulbusverkehr
An einer unzulässigen Ausstiegsstelle wurde eine Schülerin vom LKW erfasst und lebensgefährlich verletzt.

Von Rolf Diederichs, Kirchwald, 10 März 2004.
Der Bericht wird entsprechend eingehenden Informationen, Auskünften und Meinungen aktualisiert werden.


Unfallort

Umleitung vor Haltestelle

Unfallablauf

Unfallablauf

Lageplan
Die L 113 ist eine stark befahrene Landstraße, welche an dieser Stelle auf 70 KM/h beschränkt ist und trotzdem regelmäßig weit darüber gefahren wird.
Ein Schulbus voll mit Schulkindern besetzt kam am Mittwochmittag den 3.3.2004 von der Hauptschule aus Niederzissen um ca. 13:30 in Wassenach Kreis-Ahrweiler an. Eine Baustelle im Ort veranlasste den Busfahrer die Wassenacher Schulkinder an der dem Ort tangierenden Landstraße L 113 rauszulassen. Für die 15-jährige Schülerin Christina B. wurde dies zum Verhängnis. Als sie die Fahrbahn hinter dem Bus überqueren wollte, wurde sie von einem vorbeifahrenden LKW frontal erfasst. Zu Recht empören sich nun Eltern über die Umstände die zu dem Unfall führten und machen einen großen Kreis für diese Tragödie verantwortlich - nicht nur LKW- oder Busfahrer.

Schon am ersten Tag, an dem wegen einer Baustelle im Ortszentrum von Wassenach die Edmund Nupeney Allee nur für Anlieger bis zur Baustelle frei war, passierte dieser schreckliche Schulwegunfall. Eine reguläre Haltestelle, welche sich unmittelbar hinter der Abzeigung an der L 113 kurz hinter dem Ortsschild am Anfang der Allee befindet, konnte oder durfte nicht angefahren werden.

Die unmittelbar gegenüber der Unfallstelle wohnende Andrea Weißhaar, Mutter von drei Schulkindern, war einer der ersten am Unfallort. Ebenso Charlotte Kennedy-Graeff, sie kam in diesem Moment mit ihrem PKW an die Unfallstelle angefahren, auch sie ist Mutter von drei Schulkindern. Beide Frauen leisteten Hilfe so weit es ging. Andrea Weißhaar: "das sah ganz schlimm aus, kaum mehr als das Kind mit einer Decke zudecken konnten wir nicht tun, ob das Christina überhaupt überleben wird war ihre größte Sorge". Sie zeigte die Bruchstücke von Karosserieteilen des LKW's die am Unfallort liegen geblieben waren. Der LKW war vorne durch die Wucht des Aufpralls stark beschädigt worden.

Eltern aus Wassenach in Wut und Sorge
Die beiden Frauen fühlten sich in der Situation allein gelassen. Viele Leute aus dem Dorf standen rum, auch Bürgermeister Reichelt viel mit dem Busfahrer diskutierend. Auch um die Kinder die auf die Weiterfahrt im Schulbus warteten kümmerte sich keiner. Charlotte Kennedy-Graeff verärgert: "Zwei Stunden saßen die restlichen 10-15 Kinder im Schulbus und mussten alles mit ansehen". Auch am nächsten Tag hätte man die Schule noch nicht auf den Vorfall und die Situation der Kinder vorbereitet. "Die Lehrer hatten sich schon über das seltsame Verhalten der Kinder gewundert", berichtet die Mutter. Telefonisch bat sie von der Schule und der Ahrweiler Verkehrsgesellschaft Erklärungen zu ihrer Sorge: "Wie kann ich meine Kinder guten Gewissens in die Hände der Schülerbeförderung legen, wenn ich dann so etwas sehen muss". Bis heute erhielt die Mutter noch keine Antwort. Unverständnis empfand sie auch über das Verhalten der Polizei. "Als ich mich als Zeuge meldete, wollte der Beamte noch nicht mal meinen Namen aufschreiben, er sagte stattdessen: Wir brauchen sie nicht". Von dem unter Schock stehenden LKW Fahrer verlangten die Polizei noch, dass er seinen LKW aus dem Weg fahren sollte. Auch ein Fernsehteam war an der Unfallstelle, aber niemand wusste wo etwas über den Unfall gesendet wurde.

Die Stimmung unter den Eltern ist sehr betroffen, aber auch sehr ärgerlich gegenüber Verantwortlichen aus verschiedenen Kreisen. Wie kann man hier Kinder rauslassen? Auf einer Landstraße wo 70 KM/h erlaubt und noch weit drüber gefahren wird. Wie kann man an einem Bus so schnell und unachtsam vorbeifahren? Was die wenigsten Eltern wissen ist, dass solche Unfälle in Deutschland täglich auch an offiziellen Haltestellen geschehen, dabei gelingt es den "Hintermännern" leider immer wieder die eigentlichen Ursachen zu vertuschen.

Die Ahrweiler Verkehrsgesellschaft
Nachdem wir der Zentrale der Ahrweiler Verkehrsgesellschaft den Grund erklärten warum wir die Geschäftführung sprechen wollten, die Zentrale: "wir haben nichts mit dem Unfall zu tun", Schulbus.Net: "es war doch auf einer Ihrer Linien passiert", Zentrale: "Ja wohl, aber der Verursacher war doch der LKW Fahrer". Wir wurden dann schließlich doch noch mit Herrn Heinen verbunden, der aufklärte: "Wir betreiben die Linie sehrwohl, aber als Unternehmer fährt die Fa. Botenberg aus Sinzig." Ist Ihnen der Fahrer bekannt? "Es ist ein zuverlässiger Fahrer, soll aber noch nicht so lange in der Firma tätig gewesen sein". Auf die Frage ob es Anweisungen gab wo während der Baumaßnahmen gehalten werden sollte, meinte Herr Heinen: "Es gab eine Anweisung, dass nur an der nächsten Haltestelle im Dorf gehalten werden soll". Auf die Frage ob der Bus die Warnblinkanlage angehabt hätte, Herr Heinen: "davon kann ausgegangen werden, denn wir haben im gesamten Kreis die Anweisung an allen Haltestellen die Warnblinkanlage einzuschalten.

Der Omnibusbetrieb Botenberg
Im Gespräch mit dem Inhaber des Omnibusbetrieb Botenberg Frank Botenberg: "Wir wurden wirklich über die Baumaßnahmen informiert und auch Herr Rausch von der AWV hätte noch am gleichen Vormittag per Funk den Fahrer auf die Umleitung hingewiesen. Der Fahrer hätte an der Unfallstelle natürlich nicht die Kinder raus lassen dürfen. Aber es passiert täglich, dass Fahrer nachgeben wenn jemand woanders aussteigen möchte. Wenn er dann nein sagen würde, wäre man auch sauer auf ihn, so oder so würde man über ihn schimpfen.

Allgemein schildert Frank Botenberg zu offiziellen Haltestellen: "Autofahrer verhalten sich an Haltestellen unmöglich, viele beschleunigen um noch schnell am Bus vorbeizukommen. Viele Haltestellen sind für Fahrgäste besonders Schüler nicht verkehrssicher genug. Unsere Fahrer sind nur im Kreis Bad Neuenahr-Ahrweiler verpflichtet an allen Haltestellen die Warnblinkanlage einzuschalten, Landrat Weiler hatte das damals auf den Weg gebracht." Fahrer berichten, dass am Ost-Bahnhof in Mayen schon Mitarbeiter von der RMV gestanden hätte und ausdrücklich auf das Ausschalten der Warnblinkanlage im Kreis Mayen-Koblenz hingewiesen hätte.

Der Busfahrer
Der Busfahrer Andreas Bohne gab gegenüber Schulbus.Net die Auskünfte: Sei dem 1.11.2003 sei er bei der Firma beschäftigt, hätte früher schon Schüler gefahren. Er gibt zu, dass die AWV ihn vormittags über die Umleitung informierte und er solle die Schulkinder in der Ortsmitte aussteigen lassen. Ein Schüler hätte ihn aber gebeten dort auszusteigen zu dürfen, das Mädchen wollte dies dann auch. Auf die Frage ob er eine Fahrerausbildung für Schülerverkehr hätte: "Habe ich nicht, ist auch nicht Vorschrift seitdem es keine Schulbusse mehr gibt und Schüler im Linienverkehr befördert werden". Vorgeschrieben kann dies heute nur noch durch vertraglicher Vereinbarung zwischen dem Schulträger und dem Verkehrsbetrieb. Doch da der Schulträger sich mit Hilfe der Integration des Schülerverkehrs in den ÖPNV sich der Aufgabe entledigte, sind gut gemeinte Ansätze für die Verkehrssicherheit von Schulkindern nun im Linienverkehr unter den Tisch gefallen.

Der Betrieb des LKW-Fahrers
Herr Keupen von der Fa. Keuser und Chef des LKW-Fahrers erklärt: "Unser Fahrer steht noch unter Schock und ist in neurologischer Behandlung. Man sollte hier nicht vorschnell den Fahrer verurteilen." Er sieht auch bei der Busgesellschaft und dem Busfahrer eine Mitschuld an dem Unfall." Wir sind alle besorgt um den Zustand des Kindes und stehen mit den Eltern in Kontakt". Wie man hörte, bestände zumindest keine Lebensgefahr mehr, aber das Kind hat innere Verletzungen und liegt noch im künstlichen Koma.

Der Kern der Ursache
Genauere Untersuchungen über diesen und ähnliche Unfälle mit Klärung der Schuldfrage und ob fahrlässige Körperverletzung vorlag wird es wahrscheinlich noch geben. Aber es werden auch Mitschuldige in den politischen Kreisen gesucht, denn es gibt tiefgründigere Probleme die auch zu diesem Unfall mit beigetragen haben:
Von anderen lernen


§ 20 StVO
in Deutschland nur
uneffektive Prävention!

  • Im Linienverkehr ist keiner mehr für eine kindergerechte sichere Beförderung zuständig.
  • Der Schulträger sieht sich nur noch für Fahrtkosten zuständig.
  • Die Schule ist ganz raus, auch nicht für die Verkehrserziehung auf dem Weg mit dem Bus.
  • Der Anforderungskatalog für Schulbusse dürfte im Linienverkehr nicht mehr angewendet werden. (darin sind u.a. Fahrerausbildung und Haltestellen geregelt)
  • Im Linienverkehr darf "Jeder" einen Bus fahren.
  • Behörden und Verkehrsbetriebe weigern sich das Schulbusschild an Fahrzeuge zu befestigen, um die Autofahrer zu sensibilisieren.
  • Bei Baumaßnahmen wird in der Regel der Verkehrssicherheit von Kindern kein Stellenwert eingeräumt.

Am Ende wird es wohl wie immer das schwächste Glied der Kette treffen, somit den Busfahrer oder/und den LKW Fahrer. Über die Schuldfrage des LKW-Fahrers könnte ein anderes Urteil des Oberlandesgerichts Hamm Auskunft geben [7].

Kleine politische Exkursion
Scheint es nicht dringend erforderlich auch unsere Politiker in Kreis und Stadträten aufzuklären? So fragte kürzlich im Kommunalwahlkampf das Mayener CDU Stadtratmitglied Hans Gründewald und Mitglied im Straßenverkehrsausschuss: "Wofür soll das Schulbusschild überhaupt gut sein?". Zur Nachhilfe wurde ihm das Fernstudium über Schulbus.Net empfohlen.
"Selbstverständlich sollte Sicherheit in der Schülerbeförderung unser gemeinsames Anliegen sein", kaum mehr konkret wurde Rolf Schäfer MYK Kreistagsmitglied und Vorsitzender der SPD Mayen. Die MYK Grünen sind in dieser Frage erst gar nicht erreichbar, vielleicht stecken sie in diesem Landkreis noch in den politischen Kinderschuhen indem sie sich ausschließlich um Umweltfragen kümmern. Die Grünen Kreis Ahrweiler machen mit Wolfgang Schlagwein ein wenig Hoffnung, wie man u.a. auch auf der Internseite [6] feststellen kann. Ebenso versprechen sie den Hintergründen des Wassenacher Unfalls nachzugehen. Herrn Stolpe sollte nicht unerwähnt bleiben, der aber wahrscheinlich nichts anders im Kopf hat als seine Haut wegen in den Sand gesetzten Investitionen zu retten. Ob welche Parteien auch immer ein Garant dafür sind sich stärker in dieser Frage einzusetzen kann zu recht bezweifelt werden.

Die Hofberichterstattung von Zeitungen und Polizei
Ebenso verärgert sind Eltern über die den Umständen entsprechend unangemessene Art der Darstellung einiger Zeitungen, gerade mal eben eine Kurznotiz war es denen Wert. Geschrieben wird von: Linienbus und Fahrgästen. Schutzengel hätte das Kind gehabt und (nur) gebrochenen Arm und verlorene Zähne hätte der Sanitäter diagnostiziert (Rhein-Zeitung in 54 Wörtern). Andere zuverlässige Informationen sprechen von erheblichen inneren Verletzungen auf Grund dieser sei das Kind ja auch mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen worden. Aber die Quelle dieser unangemessene Darstellungen war schon die Polizeipressemeldung "Fußgängerin schwer verletzt" [5]. Polizei sorgt für Aufklärung? Können wir alle so aus Unfällen lernen? Warum wird dieser Unfall verharmlost? Weil sich Kommunalpolitiker endlich verantwortlich fühlen? und daher nicht in die Schlagzeilen wollen?


Wollen Haltestelle wegnehmen

Kinder mit Tachenlampe
Hintergründe zu Haltestellen
Die Elterninitiative "Sichere Schülerbeförderung" setzt sich schon lange Zeit für sicherere Haltestellen ein und muss leider feststellen, dass offensichtliche Gefahrenstellen von MYK Landrat Berg-Winters und Bürgermeister Dr. Saftig und nicht entschärft werden. Nicht nur während Baustellen sondern auch an so genannten offiziellen Haltestellen werden Schulkinder unter gefährlichen Verkehrsbedingungen bedient. Die Initiative hatte in der Verbandsgemeinde Vordereifel im Kreis Mayen-Koblenz vor 6 Monaten einen Haltestellen Report [1] mit 40% sehr mangelhaften Haltestellen den Verantwortlichen vorgelegt. Bereitschaft etwas zu ändern konnte nur sehr vereinzelt festgestellt werden. Als erstes will man einer alten Dame in Neu-Virneburg [4] die Haltestelle an der B 410 wegnehmen, dies nur weil man für wenig Geld keine Standfläche am Fahrbahnrand zu erstellen bereit ist. Weiterhin findet Tag für Tag den ganzen Winter über der Schulweg zur Bushaltestelle für viele Kinder auf stark befahrenen Straßen und ohne Gehwege statt. In einem Ort wie z.B. in Büschel werden für etliche Euros Kanalbauarbeiten finanziert, aber wenn die Kinder im Winter mit der Taschenlampe ohne Gehweg zur Bushaltestelle müssen, dann sieht der Bürgermeister keine Notwendigkeit etwas zu unternehmen. Ein Vater aus Büchel [3] äußert sich bescheiden dazu: "Hier gibt es in der Nähe noch viel schlimmere Zustände".

Die Hauptverantwortlichen sind der Bürgermeister und der Landrat. Aber auch wir alle sind dafür mitverantwortlich, somit: Bürger, Eltern, Schulleiter, Schul-Elternvertreter, Polizei, Busfahrer, Verkehrsbetriebe, Gemeinderatsmitglieder, Verkehrsminister, Presse, Medien. Im Klartext WIR - DAS VOLK. Aber am wenigsten von allen die Kinder selbst.

Schulbus.Net wird über neue Informationen über diesen Unfall berichten und ebenso in Kürze über die immer noch nicht beseitigten Missstände der Haltestellen in der Vordereifel.


Auswahl von Links zu diesem Thema:
  1. Sicherheit an Haltestellen - Analyse, Forderungen und Empfehlungen
  2. Anforderungskatalog für Haltestellen
  3. Haltestelle Büchel
  4. Haltestelle Neu-Virneburg
  5. Polizeipressebericht PI Remagen
  6. Internetseit der Grünen im Kreis Ahrweiler
  7. Oberlandesgericht Hamm 23. November 2000 - 6 U 78/00
    erklärt den Autofahrer an einer nicht gekennzeichneten Haltestelle für unschuldig:
  8. Von Landesamt Straßenverkehr: Schulbusschild darf nicht bei "Schulbuslinien" angebracht werden
    Die LSV trägt Probleme vor, die entstehen würden wenn sie die Anbringung des Schulbusschilds in Pseudo-Linienbussen (früher Schulbusse) gestatten würde. Bleibt nun der ursprüngliche Zweck, zur Sensibilisierung der Autofahrer, im ÖPNV auf der Strecke?